Interview

Kraft einer einzigen Liste

03/2019 - Frank Michel, Leiter der Zero Discharged Hazardous Chemical ZDHC Initiative, arbeitet daran, die Textil- und Lederindustrie auf einen innovativen und grünen Pfad zu führen.


Frank Michel, ZDHC

corporAID: Wo liegen die Herausforderungen bei der Reduktion toxischer Substanzen im Herstellungsprozess?

Michel: Die größte Herausforderung liegt in der Komplexität der Textilindustrie und in der Tradition, dass diese immer in die Länder geht, in denen die Löhne und die gesetzlichen Auflagen am niedrigsten sind. Die Krux dabei ist: Wenn die Staaten strengere Regulierungen einführen, verlässt die Industrie das Land, und das ist nicht unbedingt sinnvoll. Daher ist eine globale Liste regulierter Herstellungschemikalien wie die unsere ein recht starkes Instrument, wenn es vom Handel, den Markenartiklern, aber auch von der Industrie akzeptiert wird.

Welche Produktgruppen oder Märkte zeigen die höchsten Belastungen?

Michel: Im Fokus von Umweltorganisationen stehen die poly- und perfluorierten Kohlenwasserstoffe PFC mit ihren wasser- und schmutzabweisenden Funktionalitäten. Greenpeace betreibt hier Kampagnen auch im Automobilsektor. Es ist aber immer auch eine Frage der Menge. Auch Salz verändert Wasser. Man sollte nicht pauschalieren und die Chemikalien in bessere und schlechtere einteilen.

Lässt sich sagen, wie hoch der Anteil von mit Giftstoffen versetzten Textilien ist?

Michel: Das wird schon von den Gesetzgebern der Zielmärkte reguliert. Wir konzentrieren uns auf die im Herstellungsprozess verwendeten Chemikalien. Wir empfehlen, ZDHC MRSL konforme Formulierungen zu verwenden. Die können zwar etwas teurer sein, in der Regel zahlt sich das aber bei Prozesseffizienz und der Akzeptanz beim Kunden wieder aus. Es ist auch oft eine Frage der Dosierung. Mangels Erfahrung operieren viele am Herstellungsprozess Beteiligte nach der Devise „viel hilft viel“. Daher empfehlen wir Prozessberatungen, die Consulter und Chemikalienhersteller anbieten. Letztere haben selbst auch ein Interesse daran, nicht ins schlechte Licht gerückt zu werden. Denn es wird gerne kommuniziert, die Textilindustrie vergifte die Umwelt. Das ist so nicht ganz richtig. Und man kann auch selber zur Lösung beitragen, indem man Produkte selektiv kauft und nur die Eigenschaften beansprucht, die man braucht.

Wie kann sich der Kunde orientieren?

Michel: Zu Chemikalien kann man ihm relativ wenig sagen. Man sollte ihm aber die Werthaltigkeit eines Produkts kommunizieren. Das ist keine Frage des Preises, auch ein preiswertes T-Shirt kann sehr werthaltig sein. Ich denke da an die hochwertigen Fasern von Lenzing, die mit den bestverfügbaren Technologien verarbeitet werden. Man muss aber auch realistisch sein: Viele Kunden interessiert das nicht.

Welche Rolle hat Greenpeace gespielt, um das Thema zu positionieren?

Michel: Die Textilkampagne ist wohl eine der erfolgreichsten in der Geschichte von Greenpeace. Wobei der Erfolg im aufgezeigten Ansatz liegt, die Chemikalien am Herstellungsort, nicht am Produkt zu kontrollieren.

Wie reagiert die Industrie bisher auf das Angebot von ZDHC?

Michel: Wir hatten von Anfang an sehr ambitionierte Ziele, haben aber lange gebraucht, um die entsprechenden Implementierungstools zu entwickeln. Seit 2017 sind sie da – und exponentielle Nachfrage ist noch untertrieben. Wir haben ein unglaubliches Wachstum, sind uns aber bewusst, dass wir nicht überall zugleich anfangen können.

Wer sind Ihre wichtigsten Verbündeten?

Michel: Wir sind eine Multistakeholderorganisation und bemüht, die am Markt Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um eine Lösung zu entwickeln. Daher sind uns die Chemikalienhersteller genauso wichtig wie die Händler und die Markenartikler. Zudem kooperieren wir mit anderen Organisationen. Schließlich ist aber auch Vertrauen nötig, dass die von uns angebotene Lösung die Ergebnisse bringt, die wir alle wünschen.

Stoßen Sie auch auf Widerstand?

Michel: Hemmnisse gibt es immer, wenn es ums Geld geht, wenn es mehr kostet, wenn es mehr Aufwand ist. Aber es ist wie in einem Getriebe: In zehn Jahren wird man sich nicht mehr vorstellen können, es einmal anders gemacht zu haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

© corporAID Magazin Nr. 80
Das Interview führte Ursula Weber.
Foto: ZDHC

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