Social Business

Wadi in der Warteschleife

10/2012 - Eine gute Idee allein ist nur der erste Schritt. Sozialunternehmer Martin Wesian hat eine einfache und billige Methode zur Wasserdesinfektion in Entwicklungsländern erfunden. Trotz viel Lobes und Interesse von internationalen Organisationen und bei Wettbewerben gibt es bei der Umsetzung viele Hürden, etwa Geld und Vertrieb. Und die Frage, wie man die Bottom of the Pyramid-Kunden überzeugt.

Sauberes Wasser ist für eine Milliarde Menschen außer Reichweite.

Die Probleme sind bekannt, die Lösungen auch kein Geheimnis. Fast eine Milliarde Menschen haben weltweit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, ebensoviele brauchen oft mehrere Stunden am Tag, um es zu beschaffen. Und Durchfall aufgrund von verschmutztem Wasser ist bei Kindern in den Entwicklungsländern eine häufigere Todesursache als Malaria, HIV und Tuberkulose gemeinsam. Mit Bakterien verseuchtes Wasser kann auf vielerlei Art trinkbar gemacht werden: durch Abkochen, Chlortabletten oder Reinigung durch UV-Strahlen, also einfaches Sonnenlicht. Diese letztere, simpelste und billigste Lösung hat sich das Wiener Startup-Unternehmen Helioz vor zwei Jahren zunutze gemacht und Wadi erfunden.


Wasserdesinfektion mit einem Aufsatz auf eine gewöhnliche PET-Flasche.

Wadi reinigt das Wasser zwar nicht, das macht weiterhin die Sonne selbst, aber das Gerät, das auf jede herkömmliche PET-Flasche geschraubt werden kann, misst die UV-Strahlung und damit den Fortschritt der Reinigung. Den Strom bezieht es aus einem integrierten Solar-Panel. Wenn der Inhalt der Plastikflasche – verunreinigtes Wasser – trinkbar ist, erscheint am Display von Wadi ein Smiley.

So einfach dieses Prinzip auch ist, so schwierig ist seine Umsetzung am BOP-Markt, bei den Bottom of the Pyramid-Kunden, also den Ärmsten der Welt. Martin Wesian, der Wadi aus seiner Wirtschafstingenieurwesen-Diplomarbeit heraus entwickelte, patentierte und dann Helioz gründete, will in den nächsten Jahren Millionen von Wadis in Entwicklungsländern unter die Leute bringen: „Es mangelt nicht an Interesse von internationalen Organisation oder von den Medien. Wir haben mit Wadi eine Reihe von Preisen gewonnen, Medien aus aller Welt, von Brasilien bis Australien, haben über uns berichtet.“


Vor Ort in Indien Das Helioz-Team hat Wadi in vielen Feldversuchen getestet.

Allein die Zusagen der UNO in New York oder der Welternährungsorgansiation FAO in Rom, wo Wesian mit Wadi im Gepäck schon eingeladen war, blieben bisher unverbindlich. An Letters of Intent und Vorbestellungen mangelt es ebensowenig, rund eine Million Wadi wollten diverse Interessenten schon haben, doch fix ist auch da noch nichts. Der Stückpreis in der Produktion liegt außerdem noch nicht dort, wo Wesian ihn haben will, damit er für die Ärmsten leistbar ist, nämlich unter 15 Dollar.

Mit potenziellen Investoren für die nötige Massenproduktion hat Wesian überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht. „Einer wollte mit einer Million Euro einsteigen, aber wir hätten die Lebensdauer von Wadi von fünf auf zwei Jahre verkürzen sollen, damit sich das für ihn rechnet“, erzählt der 37-Jährige. „Andere haben aus unserem Business-Plan einige für uns als Sozialunternehmen sehr wichtige Teile rausgestrichen, etwa den Vertrieb über Straßenverkäufer in Indien, die nach unseren Vorstellungen mit dem Wadi-Verkauf zu Mikro-Unternehmern werden sollten.“


Martin Wesian hat Wadi im Rahmen seines Studiums erfunden und patentieren lassen.

Arme wollen Mittelschicht sein Vom Venture Capital hatte Wesian also bald genug – jetzt hat er mit einer Stiftung der Familie Wöhrer, den Eigentümern der Salzburger Achen Kraftwerke AG, einen strategischen Investor gefunden.Wesian ist mittlerweile überzeugt, dass er nur als Sozialunternehmer ans Ziel kommt. Bei seiner Firma Helioz steht der soziale Zweck, in diesem Fall die selbstgewählte Mission, mit Wadi Millionen von Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen, im Vordergrund, Subventionen für das Produkt sind also willkommen. Wesian denkt auch an weitere Produkte für die BOP-Kunden. Etwa daren, neben der Wasserdesinfizierung per Wadi gleich ein Hygiene-Paket zu geringen Kosten zu vertreiben. Vorerst gilt aber seine ganze Aufmerksamkeit Wadi. „Wir haben gerade mikrobiologische Studien in Ghana abgeschlossen, mit unserem Investor haben wir eine Vertriebsfirma aufgebaut und basteln am richtigen Design für Wadi, werden einen Wettbewerb dafür ausschreiben, wo nur Teilnehmer aus dem globalen Süden zugelassen sind.“

Wesian weiß aus Marktstudien, dass er bei letzteren mehr auf üppige Bollywood-Farbenpracht und weniger auf Askese à la Gandhi setzen muss. „Das Ding muss auch schön anzuschauen sein, den Geschmack der Inder treffen.“ Ein Problem sei auch, dass die Armen eigentlich keine Armeleute-Produkte wollen. „Wenn einer die PET-Flasche auf dem Dach liegen hat, weiß der Nachbar automatisch, dass die Familie arm ist, weil er sich keine Chlortabletten leisten und auch das Wasser daheim nicht abkochen kann“, erläutert Wesian den schwierigen Zugang in den BOP-Markt. „Die Armen wollen leben wie die Mittelschicht, daher müssten wir Wadi eigentlich bei der Mittelschicht platzieren.“


Shah Rukh Khan, der Superstar des indischen Bollywood-Kinos, wäre das ideale Wadi-Testimonial.

Die Finanzierung der ersten Produktion ist ebenso offen, noch diesen Sommer könnte eine erste Serie von 200.000 Wadi in Österreich produziert werden, bei der Lenzing AG – „Wir müssen nur noch den Startknopf drücken.“ Mit Hilfe einer großen NGO als Partner für eine landesweite Spendenaktion schwebt Martin Wesian ein Kooperationsmodell wie die „One Laptop per Child“-Initiative vor, die auf Billigstcomputer für den Schulunterricht in Entwicklunsländern setzt. Wenn es namhafte Wadi-Partner aus anderen Branchen gäbe, wäre das Wesian auch nicht unrecht. „Eine Kooperation mit Coca Cola wäre natürlich ideal, um etwa Wadi in den Entwicklungsländern gleich mit der passenden Flasche zu vertreiben. Und das für Indien ideale Testimonial wäre der Bollywood-Superstar Shah Rukh Kahn“, scherzt Wesian und lässt dabei durchklingen, dass er das gar nicht für völlig ausgeschlossen hält.

© corporAID Magazin Nr. 41
Text: Harald Klöckl
Bildmaterial: Helioz, Wallpaper

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